Warum Entspannung oft nix bringt

Warum Entspannung oft nix bringt. Foto by Kathrin Stamm via canva.com

„Entspannn dich mal!“ Hat dir das auch schon mal jemand gesagt, vielleicht sogar öfter? In meinen stressigsten Jahren habe ich diesen Satz wieder und wieder gehört – und ignoriert. Von den Menschen, die mich lieben, die mir nahe stehen, die mich schätzen. Irgendwie hat mich dieser Satz damals auf die Palme gebracht.

Erlebst du diesen Satz vielleicht auch als Provokation? „Schließlich weiß ich doch selbst am besten, was ich brauche. Und die Dinge müssen ja getan werden.“ Außerdem ist da noch das tolle Macher- und Flow-Gefühl… So in der Art sind vielleicht auch deine Gedanken und Gefühle?

Meine waren es jedenfalls vor ungefähr 15 Jahren. Und ich habe einen hohen Preis für mein „am besten wissen“ bezahlt. Denn als ich vor 10 Jahren eine schwere Krankheitsdiagnose bekam, fiel ich erst Mal vom Hocker. Wie konnte das passieren?

Zurück zum Tipp „Entspann dich mal!“ 😉

Entspannungskurse werden nach wie vor von Ärzten aus gutem Grund vielen Patienten mit unterschiedlichen Beschwerden empfohlen und in Rehakliniken und Therapiezentren immer wieder angeboten. Und ja, wer sie besucht und umsetzt, hat großen Nutzen. Wie viele machen es? Die Antwort kannst du vermutlich selber geben – nicht viele jedenfalls.

Ich habe mir Gedanken dazu gemacht, warum Entspannung für Viele so ein rotes Tuch ist und gehe hier der Frage nach, ob Entspannung tatsächlich das A&O für gesunde und fokussierte Produktivität ist.

Warum Entspannung oft nix bringt  – es beginnt nämlich  im Kopf

Und zwar beginnt es mit mechanistischem Denken. Ja, du hast richtig gehört, dieses alte Weltbild von Descartes, der die Physiologie des Menschen mit dem Funktionieren einer Maschine vergleicht. Wenn wir in den Polaritäten Anspannung und Entspannung denken, sind wir ähnlich unterwegs. Wir denken dann in etwas so: wenn ich einen Job oder ein Leben mit viel Stress und viel Anspannung habe, müsste ich zum Ausgleich für viel Entspannung sorgen. D.h. wenn du viel Auto fährst und beim Autofahren viel Vollgas gibst, solltest du häufig auf die Bremse treten zum Ausgleich? Hm, das wäre schon komisch. Und würde sich sehr unangenehm beim Fahren anfühlen, oder?

So ähnlich ist es jedoch, wenn ich gestressten Menschen (die sich dessen gar nicht so bewusst sind – genau wie ich vor 15 Jahren) mitten im Stress sage: Entspann dich doch! Mitten im Vollgas fordere ich sie zur Vollbremsung auf. Und da sagt schon der logische Menschenverstand: nö, das fühlt sich nicht gut an, das passt jetzt wirklich nicht.

Das ist ein sehr unangenehmer Spagat, der da entsteht. Denn nach dieser Logik müsstest du viel entspannen, wenn du herausfordernde Phasen (in meinem Fall Jahre!) hast. Und wer kann sich das schon leisten?

Viel Entspannung, um dann viel zu powern ist eben leider nicht die Lösung.

Fokussiert, klar und kreativ  Arbeiten im dritten Zustand

Lösen wir uns Mal vom mechanistischen Denken in den zwei Polen Anspannung  und Entspannung und auch von der sogenannten Work-Life-Balance. Das ist wieder so ein polarisierendes „Unwort“: sind Leben und Arbeiten wirklich voneinander getrennt zu betrachten? Ich meine: gibt es die Arbeit auf der einen und das Leben auf der anderen Seite? Wie will ich das denn dann überhaupt ins Gleichgewicht bringen? Auch hier fängt es wieder im Kopf an. Traurig, wenn es so weit gekommen ist, dass Arbeit und Leben zwei getrennte Bereiche sind. Das ist jedoch nicht Inhalt meines Beitrages, puh, gerettet.

Worauf ich hinaus möchte ist ein dritter Zustand. Ein Zustand, in dem Anspannung und Entspannung im Gleichgewicht sind. Ein Zustand, der weder Sympaticus-dominiert (Anspannung; Leistung bis hin zu Stress) noch Parasympaticus-dominiert (Entspannung, Regeneration) ist, sondern in dem Sympaticus und Parasympaticus im harmonischen Gleichgewicht sind.

Diesen Zustand gibt es nämlich. Und das ist wirklich abgefahren. In diesem Zustand kann man nämlich

  • sehr konzentrations- und leistungsfähig,
  • intuitiv,
  • kreativ,
  • in Verbundenheit mit der Umgebung sein.
  • Außerdem arbeiten alle Organsysteme und das Gehirn in optimaler Art und Weise zusammen.
  • In diesem Zustand können die inneren „Akkus“ wieder aufgeladen werden.

Und zwar mitten im Alltag, schnell mal eben zwischendurch.

Von welchem Zustand reden wir hier eigentlich? Ich lüfte jetzt das Geheimnis.

Der Zauber-Zustand heißt „Kohärenz“ – Anspannung und Entspannung im harmonischen lebendigen Fluß.

Das HeartMath® Institut in Kalifornien hat über die Stressforschung in Zusammenarbeit mit renommierten Universitäten und Einrichtungen seit Mitte der 80-er Jahre diesen dritten Zustand als besonders wirksam und effektiv entdeckt und beforscht. Dabei haben die Wissenschaftler fernöstliche  Praktiken (vor allem des Buddismus) wieder entdeckt. Sie haben festgestellt, dass einfache Atemübungen in Kombination mit Gefühlen wie Wertschätzung, Mitgefühl und Dankbarkeit genau jenen dritten Zustand hervorrufen, nämlich Kohärenz. Begriffsdefinition und meine prattische Eigenerfahrung dazu findest du in meinem Blogbeitrag http://lachen-lernen-entspannen.de/herzkohaerenz/ .

Kohärenzübungen statt Entspannungsübungen?

Wenn es also um meinen Arbeitsalltag, um die täglichen Dinge und besondere Herausforderungen geht hilft es mir nicht mittendrin auf die Vollbremse zu treten und eine halbe Stunde Entspannungsübungen zu machen. Pausen im Sinne von Mach mal Pause (1) und Mach mal Pause (2) sind wirklich wichtig. Die ultradianen Rhythmen zu berücksichtigen ist extrem unterstützend. Letzten Endes ist der Körper schlau und äußert seine Bedürfnisse diesbezüglich – wenn wir ein wenig üben darauf zu hören. Wenn ich ihm dann noch zusätzlich die kleinen einfachen Kohärenzübungen anbieten kann, ist es perfekt. Denn damit kann ich immer wieder – auch im Gespräch, mitten in der Teamsitzung oder am Schreibtisch mich minutenschnell in einen kohärenten Zustand bringen. Und ein weiterer positiver Effekt ist, dass ich im Zustand der Kohärenz stärker mit meiner Intuition verbunden bin, eine geschärfte Wahrnehmung habe und zwar nach innen und außen. So bekomme ich die körpereigenen Pausensignale dann auch besser mit und kann darauf reagieren statt sie zu übergehen. Und ja, vielleicht bekomme ich dann sogar die Information, heute in der Mittagpause oder nach der Arbeit eine Entspannungsübung zu machen. Hohohahaha (ich bin ja Lachtrainerin) – umgekehrt wird also ein Schuh draus! Erst kohärent werden und dann den empfangenen Impulsen folgen – schon fühlt es sich stimmig an und ist nicht zu vergleichen mit einer – wenn auch lieb gemeinten – Anordnung: „Entspann dich mal!“

Erste Kohärenz-Basisübung:

Wenn du magst, kannst du die erste Übung direkt austesten. Sie ist wirklich kinderleicht. Du kannst die Übung mit geschlossenen oder offenen Augen machen. Sie heißt übrigens Herzfokussiertes Atmen und das HeartMath® Institut verwendet sie als Basis für alle aufbauenden Übungen:

  1. Richte deine Aufmerksamkeit auf die Herzgegend, den Brustraum
  2. Beobachte deinen Atem. Stell dir vor, wie du mit dem Herzen ein- und ausatmest.
  3. Vertiefe deine Atemzüge, so dass sie länger werden und atme weiter mit den längeren Atemzügen weiter mit dem Herzen ein und aus.

Mache die Übung eine Minute lang, wenn du magst natürlich länger. Bleib nach der Übung noch einen Moment bei dir und spüre in dich hinein:

  • Was hat sich verändert?
  • Was fühlst du, was denkst du?

Das Nachspüren ist ein wichtiger Bestandteil. Denn es dauert einen Moment, bis das innere Erleben im Gehirn angekommen und verarbeitet ist. Gönne dir also noch ein paar weitere Sekunden im Wahrnehmen.

Biofeedback macht Anspannung, Entspannung und Kohärenz sichtbar

Wenn ich mich selbst oder Klienten an das Biofeedback anschließe, kann ich den Unterschied nicht nur fühlen, sondern sogar sehen und messen. Ich kann im Diagramm sehen, ob ich oder meine Klienten im Sympaticus- (Anspannungs-), Parasympaticus- (Entspaannungs-) oder Kohärenzmodus – dem dritten, dem Gleichgewichts- Zustand – sind.

Besser als messen ist jedoch das unmittelbare Gefühl. Denn das habe ich immer bei mir. Dazu brauche ich keine Technik und ich kann es jederzeit und überall tun.

Fazit:

Warum Entspannung oft nix bringt? Weil du vielleicht eher Kohärenz brauchst. Oder einfach eine oder mehrere Mini-Pausen in der Art und Weise, wie sie im letzten Blogartikel Mach mal Pause (2) beschrieben wurden.

Das wäre der organische Ansatz:

Dass du deine Biorhythmen mehr spürst, über deine Atmung und hilfreiche Gefühle den Körper in wahrnehmendes Gleichgewicht bringst und dich so gut es geht nach deinen inneren Impulsen richtest. Das gelingt dir, indem du in die Arbeits- und Leistungsphasen kleine Kohärenzphasen integrierst, um Körper, Gehirn und Geist in optimalen „Betriebszustand“ zu versetzen.

Jetzt bin ich natürlich neugierig, wie deine Erfahrungen sind:

Fndest du die klassischen Entspannungsübungen hilfreich und ausreichend praktikabel für dich im Alltag?

Wie war die Kohärenzübung für dich – falls du sie ausprobiert hast? Hättest du Lust, das öfter zu tun?

Hinterlasse gerne im Kommentarfeld deine Gedanken, Erfahrungen und lass uns ins Gespräch über dieses spannende Thema kommen. Gegenseitige Bereicherung ist mir herzlich willkommen :-)

Ich wünsche dir eine kohärente Woche

Deine Kathrin

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Kathrin Stamm

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7 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Kathrin,

    wieder ein wunderbarer Artikel. Dein Auto-Beispiel zeigt sehr schön, wie absurd das Entweder-Oder-Denken ist. Das, was du Zauber-Zustand nennst, erinnert mich in gewisser Weise an Stephen Covey’s „Die 3. Alternative“. Da geht es zwar nicht um Kohärenz, aber um das Sich-Lösen aus dem Entweder-Oder-Denken und um das Finden einer 3. Alternative, die besser ist als jeweils das eine oder das andere für sich allein.

    Die HeartMath-methode hatte ich früher mal kennen gelernt und konnte damals nicht so viel damit anfangen. Heute fiel mir die Übung erstaunlich leicht und hat mich in einen guten Zustand gebracht. Ich werde gern mal weiter damit experimentieren.

  2. Ja, liebe Monika, das Entweder-Oder-Denken fördert Dauerstress und ganz oft geht es auch im Coaching darum, sich weitere Wege zu erschließen jenseits von zwei Polen. Vor allem aber war es für mich selbst lebensrettend im wahrsten Sinn des Wortes. Vielleicht kann ich es deswegen gut bei Anderen herauskitzeln :-) Danke für den Hinweis auf Stephen Corvey, da werde ich glatt nochmal nachlesen!

    Und dann viel Erfolg beim Einsatz von Herzfokussierter Atmung. Ich selbst nutze es täglich und es funktioniert auch wunderbar in kritischen Situationen. Das finde ich das Gute daran: ich kann es mit offenen Augen, wach und präsent mitten im wie auch immer gearteten Alltagsgeschehen tun.

    Danke für dein inspirierendes Feedback und herzliche Grüße!

  3. Ha, meine Rede….Arbeit und Leben/Freizeit……..Ich erwähn dann meist, dass ich 7x24h lebe und nicht arbeite und lebe und schon gar nicht arbeite UM zu leben. Leichtigkeit ist was mich beflügelt und die stellt sich ein, wenn ich gerne und mit Freuden tue, was ich tue. Von früh bis spät, rund um die Uhr.
    Kohärenzübungen helfen mir immer wieder, grad auch beim lesen Deines Artikels. Da kann man so schön wertschätzend was tun und geniessen.
    Wenn ich >7 Minuten herzfokussiert Atme stellt sich ein Hochgefühl ein und die Atmung wird noch ein grosses Stück tiefer. ich empfinde ein Art Öffnung meiner selbst und alles wird leichter, freudiger und friedlicher. Love it.

    • Da bist du wirklich ein inspirierendes Beispiel – vielen Dank, dass du deine Erfahrung hier teilst! Ich wünsche mir, dass mehr Menschen so erfüllt ihre Arbeit tun. Mit Wertschätzung und herzfokussiert. Das zu unterstützen ist ebenfalls erfüllend und eine große Freude. :-)

  4. Liebe Kathrin
    Alles im Leben kommt im richtigen Moment und ist ein Geschenk auch wenn man es nicht immer gleich sieht!

    So begegnet mir eben Dein Artikel genau im Richtigen Moment – vielen Dank!
    Ich lebe mit einer Chronischen Erkrankung die sich gerade sehr viel Aufmerksamkeit wünscht und die mich innere Unruhe spüren lässt.
    Durch diese kleine Übung – noch morgens im Bett liegend, mit meinem Baby an meinem Körper.
    Konnte ich spüren an welchen Stellen des Körpers sich Druck aufgebaut hat, mit dem es mir nicht gut geht und wie es mich innerlich streichelte und sagte „lass los- du musst jetzt nichts festhalten“.
    Und ich konnte tatsächlich los lassen!
    Ich danke dir für diesen tollen Wink!
    LG!

    • Liebe Julie,
      danke dass du deine wertvolle Erfahrung mit uns teilst. Das freut mich sehr, dass die Übung bereits so einen guten Effekt hatte. Ich kann dich nur ermutigen, das mehr und öfter zu machen. Deine Intuition wird gestärkt und auch die Verbindung mit dem, was größer ist als wir und wovon wir ebenfalls viel Hilreiches erfahren können. Dir und deinem Baby alles, alles Gute!
      Herzliche Grüße – Kathrin

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