Trotzdem lachen – darf man das denn?

Foto by Kathrin Stamm

Urnen. Im Bestattungsinstitut. Und ich bekomme mit meiner Schwester einen nicht enden wollenden Lachflash. Das war mir fast peinlich und gleichzeitig sehr erleichternd. Es ist zwei Jahre her, als mein Vater unerwartet starb.

Mit achtzig und fit bis dahin. Natürlich war uns allen klar, dass es für ihn schön war, friedlich einzuschlafen. Nur hatten wir nicht damit gerechnet. Ich hatte über dreißig Stunden nicht geschlafen und war völlig im Ausnahmezustand. Wir sollten im Bestattungsinstitut Dinge bestimmen, auf die wir nicht vorbereitet waren. Vor uns saß eine freundliche und einfühlsame Beraterin des Instituts und half uns Entscheidungen zu treffen. Hinter ihr die ganze Wand von unten bis oben voller Urnen zur Auswahl. Urnen mit Sonnenuntergängen, Rosen, betenden Händen etc. Mein Vater war Künstler und diese Gefäße hätten definitiv nicht seinem Geschmack entsprochen. Unserem übrigens auch nicht. Irgendwann kam mitten im Beratungsgespräch der Moment, wo meine Schwester und ich uns ansahen. Ein Satz von ihr genügte: „Denkst du das Gleiche wie ich?“ – „Ich glaub schon“ meine Antwort. Und wir prusteten beide vor Lachen los und hielten uns die Bäuche. So einen Lachkoller hätte ich an der Stelle nun wirklich nicht erwartet. Je mehr ich versuchte ihn zu stoppen, desto schlimmer wurde es. Als Lachtrainerin war mir klar: stoppen wollen macht die Sache nur schlimmer. Das kennst du vielleicht von früher aus der Schulzeit? Uns liefen die Tränen über die Wangen. Irgendwann ging uns die Puste aus und dann war doch vorerst Schluss. Was sich die etwas verdutzte Bestattungsangestellte dazu dachte, weiß ich bis heute nicht. Jedenfalls fuhr sie mit ihrer freundlichen Beratung fort, als wir so weit waren. Wir lachten anschließend auf der Straße weiter.

Hat „trotzdem Lachen“ Nutzen?

Es war unglaublich wohltuend, ja geradezu „entladend“. Schmerz und Stress ließen etwas nach. Wir fühlten uns wie früher als Kinder, als wir viel zusammen gelacht haben. Meinen Vater sah und hörte ich innerlich auch lachen – ich wusste, er hätte mitgelacht, vielleicht mit mehr Sarkasmus über Kitsch und Kunst an der Stelle.
Über das Lachen spürte ich die Verbindung zu meiner Schwester, mit der ich trauerte und zu meinem Vater, der äußerlich gar nicht mehr da war. Ist das Humor? Das Lachen entstand einfach im Augenblick. Mein Gehirn hat ein paar ungewöhnliche Verknüpfungen vorgenommen zwischen den Urnen  an der Wand und den Keksdosen meiner Großmutter. Meine Schwester hatte die gleichen Assoziationen ohne dass wir darüber sprechen mussten. Ein Satz (ein sogenannter Trigger = Auslöser) genügte und es ging los.

Ist „trotzdem Lachen“ bereits Humor oder entsteht er dadurch?

Ähnliches habe ich mit Klienten in der Traumatherapie wieder und wieder erleben dürfen. Als Lachtrainerin habe ich mir erlaubt, es fließen zu lassen um den „Selbstheilungseffekt“ zu verstärken. Ich habe mit ihnen schallend gelacht, als die Absurdität bestimmter Gedanken und Schlussfolgerungen aus alten, längst überholten Zeiten schlagartig klar wurde. Auch da war es ein erlösendes befreiendes Lachen.
Nach so einem Lachanfall mit der damit verbundenen Erkenntnis können Klienten anders auf ihre alte Situation schauen – nämlich mit Humor. Und im Nebeneffekt ist die emotionale Belastung weniger geworden oder gar völlig verschwunden. Ich sage: erst kommt der Lacheffekt, dann kommt der Humor. Denn ich glaube an die unglaubliche Fähigkeit zu Selbstregulation und Lachen gehört definitiv zu den selbstregulierenden Reflexen. Humor bezeichne ich als Sichtweise oder Haltung, die aus erkenntnisbringenden Lacherfahrungen zu mehr Gelassenheit in neuen ähnlichen Situationen führt.

Trotzdem Lachen – kleine Analyse:

Laut Wikipedia ist Humor die Begabung, „der Unzulänglichkeit der Welt und der Menschen, den alltäglichen Schwierigkeiten und Missgeschicken mit heiterer Gelassenheit zu begegnen“. Ich nenne es lieber Fähigkeit, denn Begabung klingt nach hat-man-oder-hat-man-nicht. Da gibt es kaum Entwicklungs- und Wahlmöglichkeiten. Tatsächlich ist Lachen und in Folge auch Humor trainierbar und somit eher eine Fähigkeit.
Mein Bestattungshaus-Ereignis nach den Wikipedia-Kriterien für Humor:
1. Unzulänglichkeit der Welt und der Menschen – o.k. dass wir sterblich sind ist eine verdammte Unzulänglichkeit. Trifft zu.
2. Alltägliche Schwierigkeiten und Missgeschicke – wenn ich die wandfüllende Präsentation von an alte Keksdosen erinnernde Urnen als Missgeschick im weitesten Sinne bezeichnen würde: Trifft zu.
3. Mit heiterer Gelassenheit begegnen. Trifft nicht zu. Mit unerwarteter Heiterkeit ja, gelassen – nicht wirklich. Allerdings hat das Lachen zum Loslassen von Anspannung und Stress geführt.

Trotzdem lachen? Ein eindrücklicher Filmtipp…

Eine Tragikomödie. Selbsterklärend, dass es sich um eine Verknüpfung von Komödie und Tragödie handelt. Mit den eng aneinander liegenden Emotionen Weinen und Lachen, das ja auch im „richtigen Leben“ manchmal ineinander übergehen kann. Bereits in der vorchristlichen Zeit wurde bei den Griechen an die Tragödie am Ende eine Komödie angehängt. Woran erkennbar wird wie zeitlos das Bedürfnis ist, Ernst und Tragik mit Lachen wieder zu lösen. Das brauchen wir in der heutigen Zeit dringend. Nicht umsonst sprießen die Comedy-Shows, kabarettistische Sendungen etc. eine nach der anderen aus dem Boden und erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Ein Weg, mit Ohnmacht und Verzweiflung klar zu kommen ohne depressiv zu werden angesichts des vielen Elends. Der italienische Film „Das Leben ist schön“ von Roberto Benigni aus dem Jahr 1997 wagt sich an das Thema Holocaust in einfühlsamer Verbindung von Lachen und Tragik. Ein Vater erklärt seinem Sohn auf dem Weg zum KZ, dass sie nun ein außergewöhnliches Abenteuerspiel spielen werden. Es gelingt ihm, seinen Sohn bei Laune zu halten und alle Erlebnisse von der humoristischen oder Abenteuer-Seite zu sehen. Bis über seinen Tod hinaus. Wer sich den Film ansehen möchte, bitte Taschentücher bereitlegen. Wie es dem Autor gelingt, das Witzige mit dem Tragischen zu verbinden, ist einzigartig und sehenswert. Und es ermutigt trotzdem zu lachen. Denn Lachen kann auch in den schwersten Zeiten ein bisschen Lebensqualität erhalten. Nicht immer können wir Situationen verändern. Manchmal ist unsere Wahlmöglichkeit nur die, wie wir damit umgehen. Und an dieser Stelle kann Lachen gute Dienste leisten.

Mein Fazit aus der „Analyse“ und Betrachtung von Trotzdem-Lachen-Situationen:

Lachen in extremen Situationen kann ein Reflex mit heilsamer, lösender Wirkung sein. Die Erfahrung kann eine humorvolle Sichtweise und Haltung zu herausfordernden Themen zur Folge haben.

Und da Lachen trainierbar ist, ist die Folge bei regelmäßigem Training, dass das Lachen grundsätzlich schneller und häufiger eintritt. Eben auch in Extremsituationen, wo jemandem nicht zum Lachen zumute ist. Dadurch kann sich Humor entwickeln oder wachsen.
So wie jemand, der regelmäßig viel Fahrrad fährt, kräftigere Beinmuskulatur und mehr Kondition hat als jemand, der nur vom Haus zum Supermarkt und vom Sofa zum Kühlschrank geht.
Lachtraining hat mich selbst heiterer und gelassener gemacht. Mehr Humor ist die Folge davon. Nach wie vor bin ich keine Komik- oder Lachkanone. Das muss ich nicht sein. Wenn ich in herausfordernden Situationen trotzdem lachen kann ist das für mich ein super Ergebnis. Wenn ich aus dieser Haltung heraus kleine Bemerkungen einflechten lassen kann, die Anlass zu lächeln bieten – bestens.Welchen Nutzen Lachen ausserdem noch bietet findest du in meinem Beitrag „Warum du täglich mindestens 10 Minuten lachen solltest.“

Wenn du neugierig geworden bist auf so ein Lachtraining – ich biete meinen 14-tägigen Online-Lachkurs gratis an. Das ist mein Beitrag zu mehr Lachen in dieser Welt. Hier geht’s zu Info und Anmeldung.
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Kathrin Stamm

Mein Motto als Coach & Trainerin: weniger ist mehr! So zeige ich dir, wie du mit einfachen und leicht in den beruflichen Alltag zu integrierenden Tools von nur wenigen Minuten täglich deine Konzentrations-, Entscheidungs- , Kommunikationsfähigkeit sowie deine Widerstandskraft steigerst. Das schenkt dir mehr Energie für die wirklich wichtigen Dinge!

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2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Kathrin,

    was für ein wunderbarer Blogbeitrag. Und danke für die Erinnerung an diesen Film. Ich habe ihn vor vielen, vielen Jahren gesehen und er hat mich sehr berührt.

    Lachen im Angesicht des Todes: Warum nicht? Wir verfügen über ein großes Spektrum von Emotionen, die sich ja gar nicht ausschließen müssen. Die erleichternde Wirkung des Lachens kann ich gut nachvollziehen.

    Und gerade im Moment fällt mir noch ein, dass ja auch manchmal von kosmischem Humor die Rede ist. Es gibt immer mal wieder Situationen, wo ich den Eindruck habe, dass dieser gerade am Walten ist.

    • Danke für deome Wprte, liebe Monika. Ja das kommt aus dem Hinduismus – dass unsere Welt ein kosmischer Witz ist. Es gibt Momente, da kann ich das tatsächlich empfinden. Und dann nehme ich das Spiel auch wieder sehr sehr ernst :-)

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